Erich Kästner - Vierzehn Tote in Kalkutta
Heute habe ich, in der Schule, folgenden Text von Erich Kästner gelesen. Es handelt sich dabei um einen Ausschnitt aus dem Roman “Fabian“. Das Kapitel trägt die Überschrift “Vierzehn Tote in Kalkutta”.
Der Roman wurde 1931 veröffentlich, ist aber aktuell wie nie.
Er riß eine Tür auf, Schreibmaschinen klapperten, aus den an
einer Zimmerwand aufgereihten Telefonkabinen drangen, wie aus der Ferne, die
Stimmen der Stenotypistinnen. "Was Wichtiges?" schrie Münzer in den Lärm
hinein.
"Die Rede des Reichskanzlers", antwortete eine Frau.
"Richtig", sagte der Redakteur. "Der Kerl schmeißt mir mit seiner
Quasselei die ganze erste Seite über den Haufen. Liegt der Text vollständig
vor?"
"Zelle Zwei nimmt das zweite Drittel auf!" "Sofort m die Maschine
damit, dann zu mir!" kommandierte Münzer, schlug die Tür zu und führte
Fabian in die Räume der politischen Redaktion. Während sie ablegten, zeigte
er auf den Schreibtisch. "Schauen Sie sich die Bescherung an! Erdbeben aus
Papier!" Er wühlte in dem Haufen neu eingegangener Meldungen, schnitt mit
einer Schere, wie ein Zuschneider, einiges ab und legte es beiseite. Den
Rest warf er in den Papierkorb. "Marsch, ins Körbchen", sagte er dabei. Dann
klingelte er, bestellte bei einem livrierten Boten eine Flasche Mosel mit
zwei Gläsern und gab Geld. Der Bote stieß in der Tür mit einem
aufgeregten jungen Mann zusammen, der herein wollte. "Der Chef hat eben
angerufen", erzählte der junge Mann atemlos. "Ich muß im Leitartikel
fünf Zeilen streichen. Sie wären durch neue Nachrichten überholt. Ich komme
gerade aus der Setzerei und habe die fünf Zeilen herausnehmen lassen."
"Sie sind ein Tausendsassa", erklärte Münzer. "Ich mache bekannt:
Doktor Irrgang, hat noch eine große Zukunft vor sich, Irrgang ist der
Künstlername. Herr Fabian." Die beiden gaben einander die Hand.
"Aber", sagte Herr Irrgang betreten, "nun sind doch in der Spalte fünf
Zeilen frei."
"Was tut man m einem so außergewöhnlichen Fall?" fragte Münzer.
"Man füllt die Spalte", erklärte der Volontär. Münzer nickte. "Steht
nichts im Satz?" Er wühlte in den Bürstenabzügen. "Ausverkauft", erklärte
er. "Sauregurkenzeit."
Dann prüfte er die Meldungen, die er eben beiseite gelegt hatte, und
schüttelte den Kopf.
"Vielleicht kommt noch etwas Brauchbares herein", schlug der junge Mann
vor.
"Sie hätten Säulenheiliger werden sollen", sagte Münzer. "Oder
Untersuchungsgefangener, oder sonst ein Mensch mit viel Zeit. Wenn man eine
Notiz braucht und keine hat, erfindet man sie. Passen Sie mal auf!" Er
setzte sich hin, schrieb rasch, ohne nachzudenken, ein paar Zeilen und gab
das Blatt dem jungen Mann. "So, nun fort, Sie Spaltenfüller. Wenn's nicht
reicht, ein Viertel Durchschuß."
Herr Irrgang las, was Münzer geschrieben hatte, sagte ganz leise:
"Allmächtiger Vater" und setzte sich, als sei ihm plötzlich schlecht
geworden, auf die Chaiselongue, mitten in einen knisternden Berg
ausländischer Zeitungen.
Fabian bückte sich über das Blatt Papier, das in Irrgangs Hand
zitterte, und las: "In Kalkutta fanden Straßenkämpfe zwischen
Mohammedanern und Hindus statt. Es gab, obwohl die Polizei der Situation
sehr bald Herr wurde, vierzehn Tote und zweiundzwanzig Verletzte. Die Ruhe
ist vollkommen wiederhergestellt." Ein alter Mann schlurfte m Pantoffeln ins
Zimmer und legte mehrere Schreibmaschinenblätter vor Münzer hin.
"Kanzlerrede, Fortsetzung", murmelte er. "Den Schluß geben sie in zehn
Minuten durch." Dann schleppte er sich wieder davon. Münzer klebte die sechs
Blätter, aus denen die Rede vorläufig bestand, aneinander, bis sie wie ein
mittelalterliches Spruchband aussahen, dann begann er zu redigieren. "Mach
hurtig, Jenny", sagte er mit einem Seitenblick auf Irrgang.
"Aber in Kalkutta haben doch gar keine Unruhen stattgefunden",
entgegnete Irrgang widerstrebend. Dann senkte er den Kopf und meinte
fassungslos: "Vierzehn Tote."
"Die Unruhen haben nicht stattgefunden?" fragte Münzer entrüstet.
"Wollen Sie mir das erst mal beweisen? In Kalkutta finden immer Unruhen
statt. Sollen wir vielleicht mitteilen, im Stillen Ozean sei die Seeschlange
wieder aufgetaucht? Merken Sie sich folgendes: Meldungen, deren Unwahrheit
nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, sind wahr. Und nun
entfernen Sie sich blitzartig, sonst lasse ich Sie martern und der
Stadtausgabe beilegen." Der junge Mann ging.
"Und so was will Journalist werden", stöhnte Münzer und strich
aufseufzend und mit einem Bleistift in der Rede des Reichskanzlers herum.
"Privatgelehrter für Tagesneuigkeiten, das wäre was für den Jüngling. Gibt's
aber leider nicht."
"Sie bringen ohne weiteres vierzehn Inder um und zweiundzwanzig andere
ins Städtische Krankenhaus von Kalkutta?" fragte Fabian.
Münzer bearbeitete den Reichskanzler. "Was soll man machen?" fragte er.
"Im übrigen, wozu das Mitleid mit den Leuten? Sie leben ja noch, alle
sechsunddreißig, und sind kerngesund. Glauben Sie mir, mein Lieber,
was wir hinzudichten, ist nicht so schlimm wie das, was wir weglassen." Und
dabei strich er wieder eine halbe Seite aus dem Text der Kanzlerrede heraus.
"Man beeinflußt die öffentliche Meinung mit Meldungen wirksamer als
durch Artikel, aber am wirksamsten dadurch, daß man weder das eine
noch das andere bringt. Die bequemste öffentliche Meinung ist noch immer die
öffentliche Meinungslosigkeit."
"Dann stellen Sie doch das Erscheinen des Blattes ein", meinte Fabian.
"Und wovon sollen wir leben?" fragte Münzer.
May 21st, 2008 at 00:17
Klasse Autor - klasse Literatur - anscheinend auch klasse Deutsch-Lehrer …
Zur Aktualität: Ich denke jedes gesellschaftskritische Werk hat immer Hochkonjunktur! Manipulation der persönlichen Meinung durch die Medien & Meinungslosigkeit ist oft Thema …
May 21st, 2008 at 13:55
Es war mein Literatur-Lehrer
Mein Deutsch-Lehrer ist für sowas viel zu unkritisch *g*